Mona Brunner: „Mir hat jemand gefehlt, die das gleiche durchgemacht hat“

Mit 31 erhält Mona die Diagnose Endometriose und Adenomyose. Schmerzen hat sie schon viel länger. 20 Jahre, sagt Mona, ohne richtige Diagnose. Auf ihrem Weg dorthin hat sie viel erlebt – Positives und auch Negatives. Die Osteopathie hat ihr beim Umgang mit den Symptomen geholfen, aber auch Bewegungstherapie und eine Ernährungsumstellung. Vegan und seit kurzem auch zucker- und glutenfrei.

Endometriose ist wie ein kleines Monster in meinem Bauch

Mona Brunner hat beides. Endometriose und Adenomyose. Auf ihrem Instagram Account Die Chamäleon Chroniken (@justcallitendo) setzt sie sich für mehr Aufklärung über diese beiden chronischen Krankheiten ein. Mona beschreibt ihre Krankheit als kleines Monster, als ein Chamäleon in ihrem Bauch, das mal zufrieden schläft, aber auch unverhofft ausrasten und ihr das Leben zur Hölle machen kann. Sie geht ganz offen mit dem Thema um und hat uns ihre Zeit geschenkt, um ihre Geschichte mit uns zu teilen. Danke, liebe Mona!

Was führte zu deiner Diagnose und in welchem Alter hast du sie bekommen?

Mona: Erst dieses Jahr, mit 31. Ich hatte 20 Jahre lang starke Schmerzen, aber nie wurde die richtige Diagnose gestellt, sondern gar keine. Mein Osteopath wusste von meinen starken Periodenschmerzen und sein Vater ist zufällig Gynäkologe mit dem Spezialgebiet Endometriose. Er hat mich zu ihm geschickt und ich habe schon meine Diagnose nach der Anamnese bekommen. Eine Tastuntersuchung durch den Doktor hat die Vermutung dann bestätigt sowie der Ultraschall. Mein Enddarm war bereits mit Endo-Gewebe am linken Eierstock verwuchert, den konnte man gar nicht mehr sehen auf dem Ultraschall.

Wie viel Zeit ist zwischen deinen ersten Symptomen und deiner Diagnose vergangen? Gab es Fehldiagnosen auf diesem Weg?

Mona: 20 Jahre. Es gab nie Diagnosen außer: manche Frauen haben halt mehr Schmerzen. Das ist normal. Nehmen Sie am besten Buscopan plus. Nehmen Sie was gegen Eisenmangel, bei solchen starken Blutungen müssen Sie aufpassen. Oder mein Highlight von einer anderen Ärztin, ca. 6 Monate vor der tatsächlichen Diagnose durch den Experten: es ist möglich, dass Sie Endometriose haben, dazu müsste ich Sie aufschneiden, aber das mache ich nicht, denn ich sehe ja nichts (hatte bislang wohl nie Zysten o.ä.). Sie können aber die Pille nehmen oder ich setze Ihnen die Spirale ein, die hilft auch gut gegen die Symptome (na klasse, kann man bitte erstmal die Ursache entfernen?).

Ich habe es irgendwann nicht mal mehr großartig thematisiert. Nach mehr als 10 Frauenärztinnen und -ärzten von denen man nie ernst genommen oder ordentlich untersucht bzw. weiter überwiesen wurde, legt man sich irgendwann ein dickes Fell zu.

Welche Symptome belasten dich am meisten?

Mona: Am meisten Angst habe ich davor, dass es jederzeit wiederkommen kann und die Schmerzen zurückkommen. Es ist wie ein kleines schlafendes Monster, ein Chamäleon, das jederzeit aufwachen und dich um den Verstand bringen kann. Der Schmerz vor und während der Periode , die starken Blutungen, Nierenschmerzen und Durchfall waren am schlimmsten. Alles andere wie schlechte Haut, geschwollene Augen, Schwindel, Schlaflosigkeit, nervöse Zustände, innere Unruhe, Zähneknirschen durch Schmerzen während des Schlafens, Konzentrationsschwierigkeiten, depressive Verstimmungen – das alles war mir nicht bewusst, dass das von der Endo kommt. Wahrscheinlich auch, weil ich es jahrelang ignoriert habe.

Mit welchen Therapieverfahren hast du besonders positive und besonders negative Erfahrungen gemacht?

Mona: Toll ist TCM (traditionelle chinesische Medizin) mit Kräutern und Akupunktur. Ich schwöre auf Osteopathie und Bewegungstherapie sowie Womb Healing (heilpraktisches Verfahren). Eine Ernährungsumstellung hilft mir nun auch super bei der Verdauung und zur Reduktion der Bauchschmerzen (Zucker-/glutenfrei und vegan, kein Alkohol). Außerdem mache ich eine Psychotherapie, denn Reden hilft ungemein. Durch die jahrelangen Schmerzen aber auch deren Verdrängung habe ich nicht nur meinem Körper, sondern auch meiner Seele viel zugemutet und Schaden zugefügt: ich fühle meinen Körper nicht, es fällt mir schwer, auf mich selbst zu achten und auf meine Gefühle zu hören. Es ist auch eine Mischung aus Selbsthass und dem Gefühl von ‚nicht genug sein‘ dabei sowie ein komplett verschobenes Selbstbild.

Mir fällt es schwer meine eigenen (Belastungs-)Grenzen zu spüren und sie mir bzw. anderen Menschen zu setzen. Ich habe all die Jahre funktioniert und meinem Körper keine Stimme gegeben – das möchte ich nun ändern. Außerdem ist es schon schwer zu verkraften, dass die Krankheit neben den Schmerzen auch evtl. dazu führt, dass ich keine Kinder bekommen kann.

Negative Erfahrungen hatte ich bisher nicht – ich versuche mich vorher immer gut zu informieren. Ich habe auch ein paar tolle Gadgets: neben der obligatorischen Wärmflasche bspw. ein wärmendes Tens-Gerät, das man auf den Bauch kleben kann, eine Shakti-Matte für meine Schmerzmeditation (inuhealth), mein beruhigendes bzw. schmerzlinderndes CBD-Öl und meine geliebte Therapiedecke zum Schlafen, die 6kg wiegt.

Wie würdest du Endometriose in einem Bild beschreiben? Was symbolisiert Endometriose für dich?

Mona: Endo ist für mich wie eine dunkle Wolke, die unsichtbar über mir schwebt aber sich jederzeit in einen heftigen Regenguss verwandeln kann. Oder ein kleines Monster, ein Chamäleon in meinem Bauch, das zufrieden schläft und dann, aus irgendeinem Grund aufwacht, völlig ausrastet und mir das Leben zur Hölle macht.

Was wünscht du dir von der Medizin im Bezug auf die Endometriose?

Mona: Mehr Forschungsgelder, mehr Unterstützung durch die Krankenkassen und besser ausgebildete Ärztinnen und Ärzte. Für die Pharmaindustrie ist Endo uninteressant, weil es kein Medikament dagegen gibt. Es ist eine Frechheit, dass die Kassen wenig bis gar nichts bezahlen, obwohl uns Endogirls doch alternative Therapien mitunter am besten die Schmerzen lindern.

Nicht mal die Spirale (bei manchen wirklich letzter Ausweg) wird bezahlt.

Und dass Ärztinnen und Ärzte keine Ahnung haben, wie man Endo erkennt (es ist ein Tastbefund, Ich brauche keine Zyste als Beweis für Endo!)  bzw. einen dann nicht mal zu einer Spezialistin oder einem Spezialisten zu überweisen, ist fahrlässig. Viele wollen einem einfach ein Hormonpräparat andrehen.

(Anmerkung von One in Ten: Laut den aktuell geltenden Leitlinien zur ‚Diagnostik und Therapie der Endometriose‘ (Stand 09/2020) soll bei Verdacht auf Endometriose eine gynäkologische Untersuchung mit Spekulum zur Inspektion des Scheidengewölbes und eine bimanuelle Palpation durchgeführt werden. Dem transvaginalen Ultraschall und dem MRT wird diagnostisches Potenzial zugesprochen, beides kann jedoch die Operation zur exakten Evaluation nicht ersetzen. Die Durchführung einer rektalen Untersuchung wird für eine bessere Planung operativer Therapien und zur Vermeidung von diagnostischer Operationen erwogen.)

Welche Worte hast du bisher runtergeschluckt, anstatt sie laut auszusprechen? Und wem möchtest du sie sagen?

Mona: Ich kann nicht mehr.

Ich möchte sie mir selbst sagen und ich möchte mich damit gut fühlen. Ich möchte mir sagen, dass es okay ist, Schmerzen zu fühlen und einfach nicht mehr zu können.

Ich möchte sie meiner Familie sagen, die ich immer davor schützen wollte, sich viele Sorgen um mich zu machen.

Ich möchte sie all den Leuten sagen, die immer meinten: stell dich nicht so an! Das bildest du dir ein! Bei mir ist das nicht so und ich hab auch meine Tage! Du willst doch krank sein! Warst du schon mal beim Arzt? Normal ist das nicht! Das bisschen Tage!

Haltet die Fresse – ihr habt keine Ahnung, welche Hölle wir Endogirls durchlebt haben oder immer noch durchleben.

Achtest du bewusst auf deine Ernährung?

Mona: Vegan und nun der Versuch zucker- und glutenfrei – fühlt sich super an bisher aber ist sozial nicht immer kompatibel. Hier in Berlin sind die Leute es aber gewohnt  Ich möchte durch diese entzündungshemmende Ernährung vorbeugen und mich einfach besser fühlen (Verdauung, Durchfall, Blähbauch, Blähungen, Hautirritationen). Außerdem nehme ich Supplements: Selen, Zink, Omega-3, Vitamin B12, C, D3 und K2 sowie Johanniskraut und 5-HTP für die Nerven.

Ich esse am liebsten Curries oder Suppen mit Kokosmilch, Kichererbsen, Tofu, Linsen, Kartoffeln und viel grünes Gemüse wie Brokkoli und Spinat. Mein Frühstücks-Granola mache ich selbst, weil es gluten- und zuckerfrei sein soll.

Was hat dir im Moment deiner Diagnose am meisten geholfen? Was hat dir gefehlt?

Mona: Dass ich endlich wusste, woher die Symptome und Schmerzen kommen und dass ich endlich wusste, was es ist: eine Krankheit und keine Einbildung. Dass ich es mir und anderen erklären kann, woher die Schmerzen kommen. Dass das ‚Kind einen Namen hat’. Dass ich gut informiert wurde, was passiert bei der OP und danach. Dass ich gute Ärzte habe.

Mir hat aber jemand gefehlt, die das gleiche durchgemacht hat. Eine Art Buddy vorab wäre schön gewesen.

Danke Mona, dass du dir die Zeit genommen hast, uns für One in Ten dieses Interview zu geben!

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